Die Bohne des Tages

Gefangen in einer depressiven Episode neigt man dazu, sich negativen Denkmustern hinzugeben und den Blick für das Positive zu verlieren. Scheinbar unweigerlich bewerten wir Situationen als schlecht, hoffnungslos und geraten in einen Abwärtsstrudel, der immer weitere Kreise zieht.

Um dem zu entkommen, gilt es, Situationen neu zu bewerten. Das ist alles andere als leicht und verlangt stetige Übung. Und diese kann in ganz kleinen Schritten beginnen.

Wer schon therapieerfahren ist oder sich mit dem Thema Achtsamkeit anderweitig beschäftigt hat, ist vielleicht schon einmal auf die Geschichte der sogenannten „Glücksbohnen“ gestoßen:

bohnen
von der kleinegarten.de, abgerufen am 27.01.2017, um 13:23 Uhr

„Es war einmal ein Bauer, der steckte jeden Morgen eine Handvoll Bohnen in seine linke Hosentasche. Immer, wenn er während des Tages etwas Schönes erlebt hatte, wenn ihm etwas Freude bereitet oder er einen Glücksmoment empfunden hatte, nahm er eine Bohne aus der linken Hosentasche und gab sie in die rechte.

Am Anfang kam das nicht so oft vor. Aber von Tag zu Tag wurden es mehr Bohnen, die von der linken in die rechte Hosentasche wanderten. Der Duft der frischen Morgenluft, der Gesang der Amsel auf dem Dachfirst, das Lachen seiner Kinder, das nette Gespräch mit einem Nachbarn – immer wanderte eine Bohne von der linken in die rechte Tasche.

Bevor er am Abend zu Bett ging, zählte er die Bohnen in seiner rechten Hosentasche. Und bei jeder Bohne konnte er sich an das positive Erlebnis erinnern. Zufrieden und glücklich schlief er ein – auch wenn er nur eine Bohne in seiner rechten Hosentasche hatte.“ (zeitblueten.com, abgerufen am 27.01.2017 um 13:19 Uhr)

Eine simple Übung: Bewusst durch den Tag gehen, Momente des Glücks lernen, wahrzunehmen, und seien sie noch so klein: Der Kaffee am Morgen, in Ruhe genossen; das Lächeln eines Passanten, nebenbei empfangen; die U-Bahn nach der Arbeit noch erwischt; ein Spaziergang unter den letzten Sonnenstrahlen des Tages; ein kurzer Gruß eines Freundes im E-mail-Postfach…

Die Liste könnte so lange sein, wenn wir uns diese Momente bewusstmachen.

Als ich in der Morgenrunde der Krisentagesklinik, die ich zu Beginn meiner letzten Episode besuchte, eingeladen wurde, die Übung zu machen, war ich zunächst skeptisch. Das Ganze kam mir etwas lächerlich vor. Was sollte das bringen? Ich nahm mir sieben Bohnen aus dem Glas, das unter den Patienten herumgereicht wurde, und steckte sie in meine linke Hosentasche.

Den folgenden Nachmittag über vergaß ich die Übung. Als ich mich abends zu Hause angekommen an die Bohnen erinnerte, wollte ich es versuchen. Ich merkte aber, dass ich jedem „potentiellen Bohnen-Moment“ äußerst kritisch gegenübertrat. War dieser Moment tatsächlich eine Bohne wert? War er gut genug? Oder sollte er sich nicht eigentlich viel besser anfühlen, um zu einem wahrhaft glücklichen Moment zu werden?

Mir wurde bewusst, welche Ansprüche und überhöhten Erwartungen ich an mein eigenes Leben hatte, ständig kritisch, nie zufrieden, als müsste ich irgendwem etwas beweisen.

Also begann ich, einfach so Bohnen zu vergeben, auch dann, wenn ich zunächst nicht zu 100% überzeugt war, einen glücklichen Moment zu erleben. Doch bis zum nächsten Morgen waren alle Bohnen von der linken in die rechte Hosentasche gewandert und das überraschte mich – und machte mich tatsächlich so etwas wie glücklich. Wochen später begann ich in meinem Kalender alle kleinen Momente aufzuschreiben, die in irgendeiner Weise positiv waren und begann auch ein klein wenig Stolz zu verspüren. Es fühlte sich beruhigend an.

Das möchte ich weiterführen. Und ich werde immer mal wieder am Rand des Blogs unter „Die Bohne des Tages“ Dinge festhalten, die mich gefreut haben, und seien sie noch so klein.

Jeden, der/die Lust hat, lade ich ein, hier zu kommentieren und seinen/ihren persönlichen Bohnen-Moment zu posten und die Übung für sich selbst auszuprobieren. Vielleicht beruhigt es euch ja auch. 🙂