Wieder Verantwortung übernehmen: Mein kleines Blumen-Projekt

Mein Wohnzimmer. Mit Blumen. Ha!

Die erste Hälfte des Jahres 2017 habe ich hauptsächlich damit verbracht, auf meiner neuen Stelle zu „überleben“. Mich an das neue Leben, meine neue Aufgabe, meine neuen Kontexte zu gewöhnen. Mich darin einzufügen, mich darin wohlzufühlen, mich darin zu akzeptieren mit all meinen Schwächen. Und ich habe die Zeit ebenso damit verbracht, auch meine Stärken irgendwann zu erkennen.

Ich war überfordert. Sehr. Meiner Angst habe ich viel zu viel Raum gegeben, meinen Wünschen und Bedürfnissen viel zu wenig. Verantwortung konnte ich für mich kaum übernehmen; kein „gutes“ Leben in meinem Sinne führen. Schon gar nicht konnte ich Verantwortung für andere übernehmen. So blieb ich fokussiert auf meine Arbeit. Sagte mir aber, dass ich mir Zeit geben muss – geben darf – und dass ich geduldig sein möchte. Und irgendwann kann ich dann wieder herauskommen aus meinem Schneckenhaus.

Und ich glaube, es ist langsam soweit.

Die Last der Verantwortung.

Als ich die Zusage für meine neue Stelle erhielt, war ich wie beflügelt. Nach den Existenzängsten, die mich nach dem Abbruch meines Vorbereitungsdienstes im Lehramt ergriffen hatten, war das der reinste Balsam für mein erschüttertes Selbst. Ich dachte: Wunderbar. Dann kannst du dich ja jetzt endlich wieder an Dinge traun, die dir immer wichtig gewesen waren, die du aber in deinen schlimmsten Episoden einfach nicht hattest anpacken können, weil die Kraft fehlte – und auch das Gefühl. So meldete ich mich bei einem ehrenamtlichen Verein, der sich für Geflüchtete einsetzt und wollte dort aktiv unterstützen. Ein paar Monate ging es gut. Ich nahm an Planungstreffen des Vereins teil, organisierte interkulturelle Kochabende mit und fühlte mich gut, wieder aktiv für etwas einzustehen, was mir viel bedeutete.

Aber leider ging es auch nur ein paar Monate gut. Dann meldete sich das Monster Selbstzweifel wieder. Und sein Kumpane Selbstablehnung kam dazu. Sie lockten ihre Freunde Überforderung und Verzweiflung dazu. Und auf einmal konnte ich keine Kraft mehr aufbringen, die Welt, in der ich lebte, mitzugestalten. Telefonate wurden ein Kraftakt für mich – ich tätigte sie nicht und ignorierte eingehende Anrufe unter größtem Energieaufwand. Mein E-mail Postfach öffnen? Ging oft gar nicht. Eine E-mail an die Kita zu schreiben, die unserem Verein die Räumlichkeiten für den Kochabend zur Verfügung stellte hat mich mehrere Wochen Vorlauf gekostet, weil ich es einfach nicht über mich brachte…

Und so erzählte ich einigen wenigen Vereinsmitgliedern von meiner Depression und dass es mir unheimlich schwer fiel, mich einzubringen, meine Aufgaben zuverlässig wahrzunehmen. Und dass es mir unsagbar leid täte.

Sie verstanden es dankten mir für meine Offenheit und mein Vertrauen. Ich sagte ihnen, dass ich es vorerst nicht mehr schaffen würde, zu kommen und dass ich mich erst einmal auf meine Genesung konzentrieren wollte. Dass ich aber sobald ich es schaffe, wiederkommen würde. Sie waren einverstanden.

Und so konzentrierte ich mich die folgenden Monate darauf, wieder Land auf der Arbeit zu gewinnen, meine Selbsthilfegruppe regelmäßig zu besuchen (das war lange Zeit auch etwas, was ich nicht schaffte….), meine ambulante Therapie zu beginnen und so viel es geht, Yoga zu machen und Laufen zu gehen. Zu zeichnen, zu malen, zu tanzen… zu lesen und zu schreiben…

Blick aus dem Schneckenhaus…

Heute bin ich wieder viel stärker – abgesehen von den natürlich auftretenden Schwankungen. Aber die versuche ich zu akzeptieren. Und sie als temporär zu betrachten.

Diese Woche habe ich mich dann zu einem Sprachkurs Arabisch A1.1 an der VHS angemeldet. Er geht ab Januar los. Und ich traue mich endlich wieder zu, so etwas zu machen, regelmäßigen Verpflichtungen nachzukommen. Gestern dann landete ein Info-Heft in meiner Post: Ich hatte mal an einer alternativen Stadtführung teilgenommen, die in Kooperation zwischen einem Urbanisten-Verein und einem Weiterbildungsinstitut durchgeführt worden war. Damals hatte ich auch um regelmäßige Zusendung des aktuellen Kursprogramms gebeten. Das Kursprogramm für 2018 kam also diese Woche an. Und es dauerte nicht lange, da meldete ich mich in einem Anflug von Verwegenheit und überquellender Begeisterung für ein Tanz-Theaterprojekt an, das in einer Aufführung münden würde. Ich hatte es immer geliebt, zu tanzen, hatte auch in meinen guten Phasen schon an Projekten des zeitgenössischen Tanzes mitgewirkt. Und auf einmal traute ich mich wieder an diese Sache heran, die mir immer viel bedeutet hatte. Einfach so. Impulsiv und ohne groß Nachzudenken. Komm, May. Mach es! Tu es! Jetzt!

Sicherheitshinweis: Blumen nicht essen!

OK. Das bekomme ich schon irgendwie hin. Dass man Orchideen nicht essen sollte, das wusste ich tatsächlich schon. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen…

Und dann heute…. heute kaufte ich mir zwei Orchideen für mein Wohnzimmer. Ich wollte mir schon lange wieder meinen eigenen Raum gestalten, wohnlich machen, mich darin ausdrücken. Denn letztes Jahr über ist meine Wohnung quasi verkommen. Keine Kraft, um sie zu pflegen… Selbst das Müll Hinunterbringen war für mich oft eine unüberwindbare Herausforderung gewesen… Und Pflanzen? Die hatte ich nur, wenn sie mir jemand schenkte.

Sei stark, kleine Blume. Das wirst du bei mir brauchen… 😉

Aber lange haben sie nie überlebt… Ich konnte mich ja kaum um mich selbst kümmern – wie sollte ich mich da um andere Wesen kümmern?

Nun ja. Ab heute habe ich Orchideen. Heute beginnt also mein neues Projekt: Blumen haben und sie nicht innerhalb kürzester Zeit sterben lassen! Wir werden sehen, wie das funktioniert…

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6 Gedanken zu “Wieder Verantwortung übernehmen: Mein kleines Blumen-Projekt

  1. Sich wieder um die intimste Umgebung kümmern, liebevoll herzurichten anstatt funktionsfähige Flächen zu pflegen oder das Chaos zu hüten, das ist großartig. 🙂 Orchideen sind übrigens nicht so schwer zu halten. Ich hatte jahrelang eine große Weiße. Wenn Sie verblüht einfach ins Dunkel stellen. Sie benötigt dann Zeit für die Regeneration – ähnlich wie wir. Staunässe und direktes Sonnenlicht vermeiden.
    Genieße Deine schöne Wohnung und vor allem: Dich selbst ❤

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo!
    Ich habe dich für den Blogger Recognition Award nominiert, weil ich dich und deine Seite einfach toll finde und dich bewundere.
    Wie es funktioniert, liest du auf meinem letzten Blog-Eintrag.
    Meine zwei Fragen an dich:
    1. War es ein großer Schritt für dich, diesen Blog ins Leben zu rufen?
    2. Fühlst du dich nach dem Bloggen ruhiger oder bist du aufgeregt und gespannt, ob und was kommentiert wird?

    Einen guten Rutsch und mach weiter so, Schritt für Schritt!
    Britta

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, wow! Ganz lieben Dank dir! Das habe ich gar nicht erwartet und rührt mich tatsächlich ziemlich. 🙂 Ich komme gerade aus meinem Feiertagsloch gekrochen und reibe mir noch die Augen – da sehe ich deine liebe Nominierung. Ich freue mich sehr darüber! 🙂
      Ich werde mich in den kommenden Tagen gespannt daran setzen.
      Dir wünsche ich noch einen guten Start ins Neue Jahr – der Weg geht weiter und ich werde gespannt (gedanklich) nach Island folgen. 🙂

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