Beziehungsunfähigkeit und Bindungsangst: Eine Einführung.

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Empty benches along the Ballona Creek Bike Path, Los Angeles, CA. (Bild: May DelC)

In diesem Text wende ich mich erstmals einem Thema zu, das ich bisher in meinem Blog nicht explizit behandelt habe. Es ist wohl die Problematik, die mich in den letzten Jahren wahrscheinlich am meisten belastet hat, schon immer belastet hat. Doch ich schreckte davor zurück, davon zu schreiben.

Ich habe Angst davor. Es reicht so nah an mein Herz heran, dass ich mich davor fürchte, durch das bloße Schreiben verletzt zu werden. Durch das Schreiben und Gelesen werden.

Aber in dieser Woche ist das Thema omnipräsent, schmerzhafter denn je für mich, relevant wie eh und je. Und ich habe das Gefühl, ich würde implodieren, wenn ich nicht etwas tue.

Also sitze ich nun vor meinem Computer und schreibe über meine Unfähigkeit, Beziehungen zu einem Partner zu führen. Und von meiner Bindungs- und Verlustangst.

Eine Szene kommt mir zurück in Erinnerung. Ich sitze im Einzelgespräch in der Krisentagesklinik. Erste Therapieerfahrung. Frau Prof. Dr. A. sitzt mir gegenüber.

Und ich sage ihr unter Tränen, unter denen ich fast ersticke: „Ich bin nicht in der Lage, eine Beziehung zu einem Partner zu führen. Ich idealisiere unendlich. Ich habe unerträgliche Angst vor Ablehnung. Ich war noch nie diejenige, die ihrerseits den ersten Schritt auf jemanden zugemacht hat. Und wenn es dann droht, realistisch und ernst zu werden, beginne ich, Ekel und Panik zu verspüren. Und ziehe mich zurück. Ich kann keine Nähe ertragen – nicht im übertragenen, nicht im wörtlichen Sinn. Selbst meine kleinen Nichten halte ich auf Abstand, was mir das Herz zerbricht. Es zerreißt mich. Und die einzige Beziehung zu einem Partner, die länger gehalten hat als ein paar Monate, war bezeichnenderweise eine… Fernbeziehung.“ Da lachte ich. Ja, da musste ich lachen, so lächerlich war das Ganze. Und selbst in dem verzweifelten Zustand, in dem ich war, konnte ich mich dieser Pointe nicht verwehren. (Ja, Humor war schon immer mein Mittel, Distanz zu wahren und zu verhindern, mein Innerstes völlig nackt zu präsentieren…)

Da lachte auch meine Therapeutin. Sie versuchte mir zu sagen, dass sie für mich Hoffnung hat. Dass ich ein positiv denkender Mensch sei, der Humor habe. Wow. Das war bis dahin das erste Mal seit Jahren gewesen, dass mir jemand DAS noch einmal sagte. Auch ich hatte mich eigentlich stets als positiv denkenden Menschen gesehen. Aber wie ein allmählich verschleißender Reifen hatte ich irgendwann alles Positive auf dem Weg verloren und übrig geblieben war nur eine zermürbend nachdenkliche, brütende, grübelnde, innerlich aggressive Person, die niemanden mehr, keine Freunde, keine Familie, NIEMANDEN MEHR an sich heran ließ.

Ich habe über die Jahre meine eigene Analyse vollzogen, meine Thesen über meine Beziehungsunfähigkeit entwickelt. Nun ja. Als Halbwaise und Tochter einer Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes – und imgrunde auch schon vorher – in Isolation gelebt hat, hatte ich selbst nie miterlebt, wie gesunde zwischenmenschliche Beziehungen und partnerschaftliche Beziehungen im Besonderen aussehen können. Ich sog das Misstrauen, die Enttäuschung, die (Selbst-)Ablehnung und die Angst quasi mit der Muttermilch auf. Auch wenn nicht jeder, der so aufwächst, sich zwingend so entwickelt wie ich, glaube ich dennoch, dass das nicht unbedingt die besten Voraussetzungen waren für ein vertrauensvolles, von (Selbst-)Akzeptanz geprägtes Verhältnis zu anderen Menschen. Zusätzlich machte mir das Gefühl, das ich irgendwann erlernt hatte, durch meine Herkunft und mein Aussehen anders zu sein, auch nicht leichter, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Selbstbewusstsein, welches mir in der Interaktion mit anderen Menschen lange Zeit fehlte. Stattdessen: verbitterte Selbstablehnung.

Und so lernte ich irgendwann auf die schmerzhafte Weise den Satz Nur wer sich selbst liebt, ist fähig, andere zu lieben, verstehen.

An dieser Stelle möchte ich erst einmal innehalten. Es gibt so viel zu schreiben für mich und ich möchte zunächst ordnen.

Ich habe so oft nach Erfahrungsberichten gesucht, von Menschen, denen es ähnlich geht wie mir. Auch hier in der wordpress-community. Aber entweder, die Beiträge sind nicht entsprechend getagged oder die Betroffenen sind aktuell nicht so sichtbar, wie ich mir wünschte ODER – und ich hoffe, dass ist unwahrscheinlich –  ich bin mit meiner Problematik sehr viel mehr alleine, als ich gefürchtet habe. Daher: Falls ihr Tipps zu Literatur, Erfahrungsberichten oder Blogs habt oder auch selbst eure Erfahrungen teilen möchtet – lasst es mich gerne wissen. Ich wäre sehr dankbar dafür.

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15 Gedanken zu “Beziehungsunfähigkeit und Bindungsangst: Eine Einführung.

  1. Du bist bei Weitem nicht alleine!! Ich habe zwar keine Lesetipps für dich, aber ich könnte dir Erfahrungsberichte noch und nöcher liefern. Von mir selbst: Ich habe mich jahrelang gefragt, wozu man eigentlich einen Partner braucht. Ich wusste wirklich nicht, was man „damit“ anfängt, welchen Inhalt eine Partnerschaft eigentlich hat. Von Freunden, die sich durch ihre hohe Sensibilität in Beziehungen immer wieder so verletzt fühlten, dass sie sich trennten, oder die feste Beziehungen als Bedrohung ihrer Freiheit empfinden, oder die sich in einer Beziehung in eine Rolle gedrängt sehen, die sie nicht übernehmen wollen etc….

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    1. Danke dir von Herzen für deinen Kommentar! Es … beruhigt (?) zu wissen, dass man nicht alleine ist. Ich meine, ich wusste, dass ich nicht alleine bin, aber ich habe nicht sehr viel finden können, mit dem ich mich identifizieren konnte bzw. insbesondere wenige Blogger, die viel darüber schreiben. Und ich möchte einfach sehr viel mehr von anderen hören, weil ich mir in meinem Umfeld damit ziemlich alleine vorkomme. Falls du darüber schreiben möchtest, würde ich mich natürlich freuen. Oder wenn du links zu deinen Beiträgen hast, die mir vielleicht helfen könnte. Was auch immer, ich bin für alles dankbar. Ansonsten freue ich mich aber über künftigen Austausch! 🙂 Lieben Gruß

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    1. Danke dir! Dein Text war auch schon sehr hilfreich für mich. Zu oft ziehe ich natürlich ais bestimmten Beziehungskonstellation schnell irrationale Schlüsse und sehe mich selbst schnell entwertet und nicht liebenswert. Da möchte ich lernen, aktiv gegen zu steuern. Freue mich über vielleicht weitere Beiträge in Zukunft!

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    1. Danke für deine Worte! Es hilft mir wirklich, zu sehen, dass ich damit nicht alleine bin. Denn in meinem Umfeld bin ich tatsächlich ziemlich alleine damit. Und wenn ich in die Zukunft sehe, schwindet mir manchmal die Kraft… aber mir vor Augen zu führen, auch andere kennen es, nimmt mir etwas den Druck auf mich selbst und de r Stachel der Selbstablehnung wird zumindest in dieser Hinsicht ein wenig abgerundet. Liebe Grüße!

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  2. Mir geht es auch so. Ich bin beziehungsunfähig. Ich kann niemanden an mich heranlassen, habe Panik, sobald jemand meine Schutzmauer durchbrechen will. Ich habe noch nie darüber geschrieben, aber ich habe mir das Thema notiert. Ein Beitrag dazu wird demnächst folgen.

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  3. Früher nannte man solche Menschen Eigenbrötler oder einsame Wölfe. Es gab sie immer und es wird sie immer geben. Vielleicht drehst Du den Spieß um: Du kannst alleine sein. Du bist Dir selbst genug. Ist das nichts? Ich weiß auch nicht viel mit Partnerschaften anzufangen. Obwohl ich natürlich sehe, dass es glückliche Paare gibt. Und natürlich freue ich mich immer, solche auch zu sehen oder zu kennen. Ich meine damit nicht, dass Du und auch andere nicht weiter nach Partner/innen suchen sollt, könnt, möchtet. Aber Partnerschaft ist nur ein Teil eines Menschenlebens. Und vielleicht nicht der wichtigste – ?

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    1. Ja das ist wohl wahr. Und ich bin mir bewusst, dass da vieles noch im Argen mit meinem eigenen Selbstwert ist. Ich merke, dass ich zwar stärker geworden bin und sehr selbstgenügsam sein kann. Und ich möchte lernen, den Wert meines Lebens, nicht abhängig zu machen von der Zuneigung und Liebe einer anderen Person. Dennoch sehne ich mich sehr nach Nähe. Ach es ist gibt für mich noch vieles auszuloten. Aber ich bin glücklich über jeden Menschen, der sagen kann, er ist nicht abhängig von einer Beziehung und kann sein Leben auch selbstbestimmt alleine leben – ohne einsam zu sein. 🙂 Vielleicht wird das auch irgendwann mein Ziel sein. Lieben Gruß!

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  4. Google mal »mich selbst lieben lernen«. Da wirst Du einen Vortrag finden. Mir persönlich haben Vorträge, Literatur und Meditationen dieser Person (ich will hier keine »Werbung« machen) sehr geholfen. Und dann der Spruch einer Kollegin, die sagt so sinngemäß: »Erfolg haben beginnt in Dir selbst: ziehe deine ‚George Clooney‘-Unterwäsche an (das ist die, die du tragen solltest, falls Du Herrn Clooney zufällig begegnest und es zum Allerintimsten kommt 😉 ), style dich wie für ein Date und starte in deinen Tag«. Es steckt viel darin. Denn wenn Du Dich liebst, dann gönnst Du Dir die volle Aufmerksamkeit und das strahlt auch nach Außen. Du hast mit Deiner Wohnung bereits begonnen und das ist bestimmt ein guter Weg ❤

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  5. Danke für deine offenen Worte. Bei mir ist es die Scham, die mich nicht darüber sprechen lässt und nicht darüber schreiben. Oft dachte ich, dass es ein wichtiges Thema ist. Aber es ist wohl der größte Schmerz, der in mir wohnt Vor allem Beziehungen. Leben ohne geliebt zu werden kostet soviel Kraft. Und ich habe Freundschaften. Wenige näher. Menschen mögen Kontakt zu mir, schätzen mich, achten mich, aber die vielen Erfahrungen sexueller Gewalt machen ein Leben in Beziehung scheinbar unmöglich. Auch ich bräuchte eine Person, die derlei ertragen würde, dass ich sexuelle Nähe überhaupt lernen kann. ….. und es macht mich Gefühle abspalten, sobald ich nur daran denke. Verschiedene Innenwesen sprechen durcheinander. Flashbacks kommen hoch.
    Das ist es einmal von mir. Vielleicht schaffe ich darüber zu schreiben. Heute wäre ein guter Tag dafür?!
    Ganz liebe Grüße und angenehme Feiertage dennoch und viel Kraft.
    „Benita“

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    1. Liebe Benita, ich sehe deinen KOmmentar leider erst jetzt, war im überwältigenden Stress der Feiertage verschwunden… auch wenn ich einen anderen Erfahrungshintergrund als du habe und unsere Geschichten sicher unterschiedlich sind, sprichst du mir mit vielen Worten aus der Seele. Ich wünsche auch dir viel Kraft und innere Ruhe für das Neue Jahr. Ich Grüße dich lieb und denk an dich.
      May

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