Die Macherin meldet sich wieder: Wie ich vorerst die Stabilität genieße

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fietsen“ aus der Dokumentation Oude Gracht Diversity. © Christiane Schupet

Die letzte Woche über war ich ziemlich erschöpft. Auch jetzt schreibe ich nur mit Mühe diesen Beitrag. Doch auch wenn mein Kopf gerade drückt und ich nichts lieber tun würde als mich in die Horizontale zu begeben, möchte ich mir hier einen Moment Zeit nehmen in dieser hektischen Woche und ein wenig… naja, vielleicht zur Besinnung kommen.

Denn zum ersten Mal seit langem ist die Quelle dieser Erschöpfung keine innere Niedergeschlagenheit, Leere, Hoffnungslosigkeit, kein Verlorensein in Gedankenstrudeln… stattdessen ist es das fast wohlige Gefühl, das man hat, wenn man tatsächlich aktiv gewesen ist. Das Gefühl, das man hat, wenn man sich nach einem langen Tag des Schaffens hinsetzt und tatsächlich spüren kann, im Geiste und im Körper, dass man Dinge in die Hand genommen hat, in die Wege geleitet hat, von den Schultern geworfen hat und so etwas wie Zufriedenheit empfindet. Ja, ich habe das Gefühl, ich beginne wieder, die Dinge in die Hand zu nehmen. Ich werde wieder Macherin.

Die Depression mal Depression sein lassen

Morgen werde ich meine neue Stelle antreten. Meine erste Post-Referendariatsstelle sozusagen. Es gab vor der Vertragsunterzeichnung natürlich die letzten Tage einiges vorzubereiten und zu organisieren. Es überforderte mich anfangs sehr und ich hatte Angst, wieder „zu kippen“. Doch spätestens als ich mich von meiner privaten Krankenversicherung verabschiedete, die ich für die Zeit meines Vorbereitungsdienstes abgeschlossen hatte (Niemals wieder. Das war das unangenehmste halbe Jahr, das ich je mit einer Krankenversicherung hatte…) und freudestrahlend zurück in die gesetzliche wechselte, viel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Ja, psychische Krankheiten sind noch nicht überall gern gesehen – aber in meiner PKV besonders ungern…

Ich war täglich viele Stunden unterwegs, beantragte dies und jenes, besichtigte Wohnungen, ordnete meinen ach-so-heißgeliebten Papierkram und versuchte hin und wieder ein paar Treffen mit Freunden und ein wenig Yoga „unterzubringen“, wo ich konnte. Und ständig begleitete mich die Vorfreude auf meine neue Tätigkeit. Ich würde eine neue Tür öffnen – und eine andere hoffentlich bald mit einem Gefühl des Friedens erst einmal schließen.

Der letzte Herbst scheint momentan so weit entfernt, ein wenig wie aus einer anderen Welt… Ich weiß noch genau, wie ich mich da fühlte, was ich dachte, wie sehr ich den Glauben an mich verloren hatte. Und ich fühle mich nun seit ca. einer Woche so gut wie lange nicht mehr. Oft verspüre ich das Bedürfnis, einfach mal die Depression Depression sein zu lassen und nicht wieder nachzudenken, aufzuarbeiten, zu reflektieren. Und auch wenn ich mich öfters fragte: Was wenn es in der neuen Stelle wieder so beginnt wie letztes Mal?, merke ich, wie ich dem immer öfter das Stop-Schild vorhalte. Einfach, weil ich es leid bin. Es hat mich so unendlich erschöpft. Und so wollte ich die letzten Tage oft einfach nur … Glück verspüren. Leichtigkeit spüren. Einfach nur leben.

Das ist auch sehr gut so. Ich freue mich, dass ich überhaupt an diesen Punkt gekommen bin. Auch wenn ich noch gar nicht lange dort bin und die Frage an mir nagt, wie lange ich wohl noch hier bleibe. Aber ich möchte es genießen, solange ich kann.

Ich möchte nur nicht wieder das beginnen, was ich einmal so ausgebiebig getan hatte: Dinge verdrängen, mit denen ich mich eigentlich konfrontieren möchte, um nicht so schnell wieder dort zu landen, wo ich vor einiger Zeit sehr schmerzhaft abgestürzt bin.

Lebemensch vs. Grüblerin: Wie wäre es mal mit Frieden schließen?

Ich war in meiner Vergangenheit phasenweise immer ENTWEDER durch und durch „Lebemensch“ gewesen, immer in Bewegung, immer Frau der Tat, immer unter Menschen. Diese junge Frau war es, die sich für den Lehrerberuf entschieden hatte. Aber diese junge Frau hatte sich auch irgendwann verloren, hatte irgendwann im Rausch der Taten aufgehört, auf ihre eigene Stimme zu hören. Und als sie dann ins Straucheln kam, war keine Stimme mehr da, die ihr ein paar gute Worte hätte sagen können.

ODER ich war die hoffnungslose Grüblerin, die für sich blieb, in sich schaute, den Sinn in ihrem Leben suchte. Allein. Aber zumindest glaubte diese Grüblerin, dass sie Gutes daran tat, tief zu schöpfen, um bloß kein oberflächliches Leben zu führen. Aus Angst, sich zu verlieren.

Ich habe es nie geschafft, beides zu vereinen. Immer im Ungleichgewicht. Ich habe immer wie besessen diese eine Version von mir gesucht, die „optimal“ war, die den Lebemenschen sowie die reflektierte junge Frau zur gleichen Zeit leben ließ und das beste von beiden hervorbrachte. Und wenn ich aus der Balance geriet, war ich enttäuscht, zutiefst beunruhigt und erschüttert.

Ich möchte akzeptieren, dass beides ein Teil von mir ist und sie nicht gegeneinander kämpfen müssen, damit ich Ich bin.

Es freut mich, dass der Lebemensch, die Macherin in mir wieder zutage tritt. Und ich werde sie erstmal machen lassen. Das wird sie auch erstmal müssen, wenn morgen eine neue Phase in meinem Leben beginnt. Und ich denke, es ist ganz gut, dass die Grüblerin momentan die meiste Zeit still ist und nicht in mein Ohr flüstert, dass ich es eh nicht schaffen werde. Denn ich wäre da – zumindest gerade – anderer Meinung…

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12 Gedanken zu “Die Macherin meldet sich wieder: Wie ich vorerst die Stabilität genieße

  1. Ich freu mich für dich! Für die Reflexion, die Lebensfreude und das gute Gefühl. Ich denk an dich morgen, wenn auch ich eine neue Stelle antrete – und werde versuchen diese positiven Worte mitzunehmen. Solange es ruhig um dich wird, weil es dir gerade so gut geht, bin ich beruhigt – ich hab nämlich schon ein, zwei Mal an dich gedacht 😉

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, ich wurde in der letzten Woche sehr ruhig hier und manchmal weiß ich nicht ob es mir wirklich „gut“ geht, weil da immer diese Zweifel sind, ob ich nicht schon wieder auf dem Weg, mich von … meiner Mitte (??), meiner Ruhe zu entfernen. Und ich merke, wie ich Dinge beginne, zu vernachlässigen, die ich in den letzten Wochen so gut und mühsam gepflegt hatte. Ich hoffe da wirklich, dass ich das wieder umkehren kann, gerade wenn es jetzt wieder stressig wird. Ich gerate da sehr schnell aus der Bahn…

      Auch wenn ich dir schon in einem anderen Kommentar alles Gute gewünscht habe – an dieser Stelle noch einmal: Ich denk an dich morgen! 🙂

      Gefällt 1 Person

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