Über den Berg: Wenn die Schritte leichter werden

tatry
In der Tatra (Bild: May DelC)

Verrückt, was die Depression mit einem machen kann. Dinge, die einem sonst so gern und leicht von der Hand fielen, sind plötzlich unüberwindbar. Sätze wie: „Denk doch an all das, was du schon geschafft hast“, sind plötzlich sinnentleert. Aber wenn ich dann, nach einer scheinbar unendlichen Phase und harter Arbeit, auf einmal überrascht den Regenbogen vor der eigenen Haustür wahrnehme (und dieser Regenbogen ist an dieser Stelle tatsächlich nicht metaphorisch gemeint…) und über seinen Anblick nur noch verdattert lachen kann, dann wird mir bewusst, ich bin – vorerst – über den Berg.

Vom Bergsteigen und neuen Ausblickspunkten

Über den Berg sein. Das ist ein Bild, das mir ein Mitpatient ans Herz gelegt hat, als ich ihm verzweifelt meine Ängste darlegte, die ich verspürte, kurz bevor ich ein letztes Mal zurück an meine alte Schule gehen musste. Im Zuge meiner Entlassung stand mir bevor, mich offiziell zu verabschieden und mein Fach im Lehrerzimmer zu räumen. Ich kann kaum beschreiben, wie gelähmt vor Angst ich beim Gedanken daran gewesen war.

Mein Mitpatient – und inzwischen guter Freund – sagte mir: „Wenn ich vor solchen Aufgaben stehe, stelle ich mir immer Berge vor. Anfangs sind sie noch riesig und man kommt schwer drüber. Aber wenn man drüber ist, dann werden die Berge, die danach folgen, immer kleiner.“

Ich verstand natürlich was er sagte. Das Prinzip, nach dem man mit den eigenen Aufgaben wächst… Wie man nach gemeisterten Herausforderungen und Erfahrungen plötzlich Dinge, die einem vorher schwer gefallen sind und einem womöglich Angst gemacht haben, in einem neuen Kontext sieht und relativieren lernt. Natürlich hatte ich in meinem Leben auch diese bestärkende Erfahrung machen dürfen.

Aber in meiner depressiven Episode schien dieses Prinzip nicht mehr zu greifen – im Gegenteil. Auf einmal schien es sogar umgekehrt zu funktionieren: Egal, welche Hürden ich bisher schon genommen hatte – Dinge, die ich vorher mit Leichtigkeit geschafft hatte, waren plötzlich zu einer unmöglichen Herausforderung geworden, der ich mit einer Panik entgegensah, die mich für jeden weiteren Schritt lähmte. Ich konnte als Gruppensprecherin in der Tagesklinik-Vollversammlung nicht mal mehr Anwesenheitslisten überprüfen, ohne Gefahr zu laufen, vor versammelter Mannschaft in Tränen auszubrechen. Mit einiger Distanz scheint mir dies rückblickend fast lachhaft (was ein gutes Zeichen ist). Aber in dem Moment war es alles andere als zum Lachen…

Doch die letzten Tage habe ich tatsächlich eine gewisse Leichtigkeit in mir und meinen Bewegungen verspürt. Mit der Zusage auf eine Arbeitsstelle ist ein großer Brocken von meinem Herzen gefallen. Zumindest die finanziellen Nöte beklemmen mich im kommenden Jahr nicht mehr. Und nachdem ich aus der recht sicheren Laufbahn einer Lehrerin ausgetreten bin, imgrunde keinen vollwertigen Berufsabschluss habe und in nichts anderem als Unterrichten wirklich ausgebildet bin, ist das wirklich sehr viel wert.

Ich freue mich auf die kommenden Wochen. Und zum ersten Mal seit langem ist in meinem Kopf nicht der dominierende Gedanke: „Wirst du das überhaupt schaffen?“

Ja, natürlich schlummern in mir noch Zweifel. Aber in den letzten Monaten habe ich viel geschafft und kann dies zum ersten Mal seit langem auch wieder würdigen. Ich bin noch lange nicht am Ziel (egal, was dieses Ziel wohl ist und egal, ob ich es je erreichen werde), aber ich konnte Schritt für Schritt auf einen kleinen Hügel steigen – und von hier oben sieht die Welt wieder ein ganz klein wenig anders aus…

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4 Gedanken zu “Über den Berg: Wenn die Schritte leichter werden

  1. Ich freue mich, dass du meinen Blog gefunden hast, denn ich kann mich sehr mit dem identifizieren, was du schreibst. Ich habe gerade diesen Post von dir gelesen und er spricht mir so aus der Seele. Wenn ich auf die Person zurückblicke die ich vor 2 Jahren ware, frage ich mich auch, warum ich heute die Hürden nicht meistern kann, die ich vor zwei Jahren noch bewältigen konnte. Warum ich nicht am Ball bleiben kann, bei den Dingen die mir einst Spaß gemacht haben. Manchmal vermisse ich die Person die ich mal war. Danke, dass Du Deine Welt mit uns teilst. Ich wünsche Dir für die Zukunft ganz viel Kraft und alles Gute. – Chantal

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    1. Ganz aufrichten Dank für deine Worte, Chantal. Ich lese auch sehr gerne von dir! Ich vermisse auch sehr die Person, die ich mal war oder zu sein schien. Ich habe mich ziemlich dafür fertig gemacht, dass ich sie nicht mehr war. Ganz langsam merke ich aber, dass diese Person noch in mir schlummer und sich ganz zaghaft wieder zu Wort meldet. Ich hoffe, ihre Stimme wird lauer. Und wünsche das gleiche auch dir! Ganz lieben Gruß an dich! 🙂

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      1. Vielen lieben Dank 🙂

        Ich denke tief in uns schlummert auch noch der Mensch, der wir mal waren, auch wenn im Moment eine andere Stimme lauter ist. Vielleicht müssen wir sie manchmal überhören, damit auch unser schüchternes Ich von damals wieder zu Wort kommen kann. Deren Stimmen werden mit Sicherheit lauter. Auch wenn es manchmal nicht so scheint. 🙂

        Genieße noch den restlichen Sonntagabend!

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