Vorstellungsgespräche führen mit der Depression im Nacken? Check!

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‚Mission accomplished‘ on memegenerator.net

Eine aufreibende Woche liegt bisher hinter mir. Zwei Vorstellungsgespräche habe ich nun gehalten und zuvor hatte ich ängstlich der Frage meiner potentiellen Arbeitgeber entgegen gesehen, wie mein biografischer Bruch zu erklären ist, den ich im Zuge meiner ersten mittelgradigen depressiven Episode erlitten hatte. Alles lief letztendlich glatter als ich befürchtet hatte – und doch war es ein schmaler Grat, der mich ins Schwitzen brachte…. Aber egal wie das Ganze ausgehen wird: Ich glaube, ich bin gerade tatsächlich stolz auf mich.

Neue alte Lernaufgabe: Prioritäten setzen!

Ich war in der Woche, die den Gesprächen voranging, so sehr damit beschäftigt gewesen, mich nach einem sehr schwierigen Wochenende wieder aufzupäppeln, mich stark zu machen, auf mich zu achten und mich um mich selbst zu sorgen. Das hatte für mich erste Priorität, denn wie sollte ich mich in ein Vorstellungsgespräch begeben und jemanden von mir überzeugen, wenn ich selbst ein Häufchen Elend war und glaubte, nichts zu haben, von dem ich überzeugen konnte?

Ich tat also mein Bestes, gut zu mir zu sein, Sport zu treiben, meine Gedanken zu ordnen und Freunde und Bekannte zu treffen, Schritt für Schritt. Die inhaltliche Vorbereitung der Gespräche stand dann für mich erst hinten an, was mich zunächst sehr nervös machte. Die alten Gedankenmuster meldeten sich hartnäckig: „So, du hast es also wiedermal nicht geschafft, deine Zeit so zu organisieren, dass du dich in Ruhe auch fachlich auf die ausgeschriebenen Stellen vorbereiten kannst. Hattest doch genug Zeit. Warum passiert das jetzt wieder auf den letzten Drücker?“ Glücklicherweise setzte dem dann das Engelchen auf meiner anderen Schulter entgegen: „Aber das Wichtigste war einfach, dass du das Gefühl für dich selbst wieder stärkst und diese Sicherheit nach Außen tragen kannst. Ohne dieses – zumindest anteilige – Selbstbewusstsein nützt dir auch das fachliche Wissen am Ende herzlich wenig. Mach, was möglich ist. Momentan bist das einfach du. Und du kannst dich derzeit einfach nur von dem Ort aus präsentieren, wo du gerade stehst. Und wenn du nicht bereit bist und es nicht klappen sollte, dann ist das momentan auch gut so.“

Ein vorsichtiger Tanz um das Feuer

Ich tat also, was momentan in meiner Macht stand. Und so ging ich in die Gespräche – und merkwürdigerweise auch mit einer unerwarteten Ruhe. Natürlich musste ich mich der Frage nach meinem Werdegang und dem aktuellen Bruch stellen. Ich hatte mich dafür entschieden, zu sagen, dass mein professionelles Kernanliegen nach wie vor das Fördern bruchloser und erfolgreicher Bildungsbiografien war. Aber dass ich vor dem Hintergrund meiner Entwicklung der letzten Jahre im Vorbereitungsdienst festgestellt hatte, dass die Schule und das Schulsystem als Lehrkraft für mich nicht länger einen attraktiven Arbeitsplatz darstellten. Und dass ich mich entschieden hatte, den roten Faden aufzugreifen, den ich imgrunde schon die letzten Jahre im schulnahen, aber außerschulischen Bereich verfolgt hatte. Denn ich war ehrenamtlich und im Rahmen von Praktika viel unterwegs gewesen, hatte mit Geflüchteten gearbeitet, interkulturelle Bildungsprojekte geleitet und bildungspolitische Erfahrung im NGO-Bereich gesammelt.

Das war die Wahrheit – wenn auch nicht die ganze. Aber ohne weitere Nachfragen wurde sie akzeptiert und auch als plausible und bewusste Entscheidung angenommen. Grundsätzlich wurde viel genickt und „prima“ gesagt. Ich war fast überrascht, hatte ich mich doch auf ein Kreuzfeuer eingestellt: „Was hat Ihnen denn am Schulalltag missfallen? Würden Sie vielleicht sagen, dass Sie dem Ganzem schlicht nicht gewachsen waren?“ Nichts dergleichen. Und ich beschwerte mich nicht.

Doch in dem ersten der Gespräche, das für eine Stelle im öffentlichen Dienst stattfand, kam dann am Ende, als ich mich längst in Sicherheit glaubte, die Frage: „So, nun zum Abschluss noch ein paar Fragen, die ich stellen muss. Sie kennen das ja im öffentlichen Dienst. Liegen irgendwelche Erkrankungen vor?“

In meinem Kopf zog sich alles zusammen. In dem Moment konnte ich meine Mimik nicht kontrollieren und ich bin leider jemand, dem man allzu schnell aus dem Gesicht ablesen kann, was sie denkt oder fühlt. Und wie aus der Pistole geschossen sagte ich: „Nein.“ Und mein Kopf rief: „Was sagst du da? Das ist doch nicht die Wahrheit. Oder kann man das doch irgendwie so sehen?“ Und ich schob noch – wahrscheinlich recht auffällig – nach ein paar Momenten hinterher: „Ich muss allerdings sagen, ich bin während des Vorbereitungsdienstes einige Wochen krank gewesen. Aber das ist nicht mehr relevant, ich bin wieder voll einsatzfähig.“ Ist das die Wahrheit? Naja, ich kann zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht beweisen, dass es NICHT die Wahrheit ist. Das ist das, was ich hoffe. Aber nicht das, was ich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann. Ja, ich bin wieder ziemlich stabil geworden. Aber in vielen Situationen breche ich noch aus… Doch unser Sozialpädagoge in der Tagesklinik hatte uns geraten, vorerst nicht mit der Krankheit rauszurücken. Erst mal einen Job bekommen und dann sehen, ob sich die Krankheit wieder zeigt. Ich war dem gefolgt…

Und dann war alles vorbei. Eine große Hürde liegt hinter mir. Ich habe mich diesen Gesprächen gestellt und ich bin unendlich erschöpft – aber auch stolz auf mich. Es lief im Großen und Ganzen recht gut, kann ich, denke ich, sagen. Und das stärkt mich. Ich habe etwas GESCHAFFT. Wie es von hier aus weitergeht, kann ich noch nicht sagen. Ich sonne mich jetzt erst einmal in dem kleinen aber feinen Gefühl des persönlichen Erfolgs…

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3 Gedanken zu “Vorstellungsgespräche führen mit der Depression im Nacken? Check!

  1. Ich finde, du kannst total stolz auf dich sein, egal wie es am Ende ausgehen wird (drücke natürlich für eine Zusage ganz fest die Daumen!). Vorstellungsgespräche sind ja per se schon aufregend und anstrengend und wenn es einem dann vorher noch nicht gut ging … Das hast du klasse gemacht!
    Ich glaube, bei der Frage mit den Erkrankungen hätte ich arge Probleme gehabt, ein Pokerface zu bewahren … Ist das im öffentlichen Dienst eine Standardfrage oder nur bei Option auf spätere Verbeamtung? ( Frage, da ich mich auch letztens auf eine Stelle in diesem Bereich beworben habe …)

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    1. Also, so ganz kann ich das nicht sagen mit dem öffentlichen Dienst, das war für mich bis zu dem Zeitpunkt neu. Und bei mir ging es diesmal auch nicht um das Beamtenverhältnis, sondern stinknormaler Angestellter. Aber auf der anderen Seite: Die zweite Stelle war auch für den öffentlichen Dienst und da wurde ich NICHT so direkt danach gefragt. Wünsche dir für die Bewerbung auch viel Erfolg! 🙂

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  2. Genau dieser Challenge muss ich mich nächste Woche auch stellen. Und ich mache mir jetzt schon Sorgen darüber. Eigentlich hatte ich sogar letzte Woche ein Vorstellungsgespräch gehabt. Habe es dann aber aufgrund meiner Depressionen, die mir an diesem Tag eingeredet hatten nicht gut genug zu sein, tatsächlich absagen müssen. 😦

    Ich hoffe, dass ich die Hürde nächste Woche überwinden werde und wünsche Dir natürlich viel Glück und drücke Dir die Daumen :). Du kannst stolz auf Dich sein! – Chantal

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