„Das darf sein.“ – Von Selbstliebe und der Freundin in mir

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Memo einer Freundin

„Frau …, für Sie würde ich mir wünschen, dass Sie wohlwollender mit sich umgehen und Ihre Bedürfnisse besser wahrnehmen.“ Das waren die Worte, mit denen mein Therapeut in der Tagesklinik die erste Sitzung mit mir schloss. Er betonte das Wort „wohlwollend“ mit langgezogenen Vokalen und lächelte gutmütig. Doch es war nicht gerade die Art von zündender Erkenntnis, die ich mir von so einem Gespräch erhofft hatte.
Ich dachte mir: „Das war’s? Das ist alles, was er zu meiner Situation zu sagen hat?“ Ich kam mir in dem Moment nicht gerade ernst genommen vor. Doch ca. zwei Wochen später würde ich erst wirklich durchdringen, was er da zu mir gesagt hatte und welchen Wert dieser Satz für meine Lebensweise hatte.

Memo to myself

Es war in meiner vorletzten Gruppenvisite in der Klinik. Ich stand kurz vor der Entlassung und bat meine Mitpatienten um Ratschläge, wie ich das in der Klinik Gelernte auf meinen Alltag übertragen könnte, ohne direkt wieder in eines meiner „Löcher“ zu fallen, wie ich sie nannte. Denn egal wie ich auch vor der Klinik schon versucht hatte, mein Leben ausgeglichener und gesünder zu gestalten – es hatte einfach nie wirklich geklappt. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, quasi „Stundenpläne“ zu erstellen, die meine Arbeitsphasen enthielten, aber auch Stunden, in denen ich Yoga machen, Freunde treffen, oder mich dem Sprachenlernen und Lesen hingeben wollte. Aber ich schaffte es immer wieder, meinen Plan einfach zu ignorieren, weil die Arbeit immer wichtiger schien.

Ein Mitpatient sagte dann zu mir: „Also, ich mache es immer so, dass ich mich selbst frage: Was würde ich einem Freund nun raten? Dann mache ich mir immer Memos mit Smileys und Sprüchen drauf wie: ‚Na, Alter? Heute schon den Müll runtergebracht? =)’“

In dem Moment wurde mir erst schlagartig bewusst, dass ich mit mir selbst ganz und gar nicht wie mit einer Freundin umging oder – um es mit Worten des Therapeuten zu sagen – ganz und gar nicht WOHLWOLLEND. Stundenpläne? Wirklich?! Das war in meinem Kontext wieder nur ein Ausdruck von Zwang, von „Ich-muss“ von To-do, von dem Erfüllen eines Solls. Und wenn das scheiterte, dann scheiterte ich als Person und machte mich fertig dafür. Ich würde niemals einer Freundin raten: „So, jetzt machst du dir einen Stundenplan, auf die Stunde durchgetaktet und vollgespickt mit Tagesordnungspunkten. Und wenn du die nicht alle erfüllst, dann bin ich bitter enttäuscht von dir und kündige dir meine Freundschaft.“

Mein neues Mantra des Dürfens

Ich sagte daraufhin meinem Therapeuten in der nächsten Sitzung: „Ich habe jetzt verstanden, was Sie mit dem wohlwollender Sein meinten. Ich bin nicht wohlwollend zu mir, ich setze mich tatsächlich konstant unter Druck. Aber ich weiß nicht, wie ich das ändern soll. Gibt es da nicht irgendeinen gedanklichen ‚Anpack‘, der mir dabei helfen kann?“

Er schaute mich nur therapeutisch-schweigend-lächelnd an.

Also fragte ich etwas ungeduldig: „Soll ich mir einfach sagen: ‚Das darf sein.‘?“

Da nickte er lächelnd und antwortete: „Zum Beispiel!“

Ok. Also speicherte ich mir in meinem Handy die Erinnerung: „Das darf sein.“, die mich täglich um 20 Uhr daran denken lässt, dass alles – meine Gefühle, meine Ängste, meine Scham, erneute Rückschläge, mein vermeintliches Versagen, meine Wünsche und Bedürfnisse – dass das alles erstmal so sein darf, wie es ist. Und dann schau ich weiter.

Das ist nicht die Lösung aller Probleme. Aber sie nimmt dem lähmend-schmerzenden Stachel ein ganz, ganz, ganz klein wenig die Spitze.

Und an meiner Küchentür hängt nun das herzförmige Memo: „Heute schon mit einem lieben Menschen gesprochen? =)“

… so sieht mein neuer „Plan“ aus.

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9 Gedanken zu “„Das darf sein.“ – Von Selbstliebe und der Freundin in mir

  1. Na Alter, heute schon den Müll runter gebracht 😁😁😁
    Naja, was soll ich sagen – du weißt ja mittlerweile, dass es mir da recht ähnlich geht. Einsichten sind immer der erste Schritt und dann fängt das Umsetzen an, eine Geduldsprobe. Ich habe mir ein Memo auf mein Handy aufgenommen, dass ich mir möglichst jeden Morgen anhöre. Kommt mir zwar sehr gestellt vor, aber das ist ja klar. Wenn man sich jahrelang wie ein Drill-Sergeant behandelt hat, lernt man den wohlwollenden Umgang nicht über Nacht.
    Du darfst sein 😊 das darf sein 😊 ohne dieses Dürfen gäbe es diesen Text nicht. Und der hat mir das Aufwachen beschönigt 😊

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    1. Ja, Mann, die Geduld… Ich kann das sehr nachvollziehen, was du über den Eindruck des „Gestelltsein“ des Memos schreibst. Mein „Das darf sein“-Satz kam mir besonders anfangs sehr abgedroschen vor, aber ich bin immer wieder verwundert, was für eine Wirkung er manchmal (bei weitem nicht immer) haben kann. Alle Mittel sind recht, wenn man, wie du sagst, alte Drill-Muster zu durchbrechen versucht. Einen möglichst guten Tag dir heute! 🙂

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  2. Es fällt mir ehrlich schwer dir etwas zu schreiben, denn es ist meist leicht gesagt, aber mitunter schwer getan. Und ich habe ein unglaubliches Talent mich bei so etwas falsch auszudrücken. In meinem Blog habe ich die ersten zwei drittel meiner Beiträge geschrieben wie ein Therapeut, aber an mich selbst. Letztendlich bleibe ich dabei. Es reduziert sich auf eins. Es ist vollkommen schnurzpiepegal(ich) was man/du machst. Genauso egal ist es was du denkst ob es richtig ist. Oder was du denkst was andere denken ob es richtig ist. Wie es aussieht oder auch nicht. Wenn du dich dabei wohlfühlst, ein gutes Gefühl hast….. dann ist es richtig, dann mach es. Wenn nicht, dann nicht. Luke.Good luck

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    1. Ja, ich gebe dir Recht, dass das einzige Maßgebliche ist, dass es sich für mich gut anfühlt. Und genau dabei, zu fühlen, was sich wirklich gut anfühlen kann, hatte ich nun einmal sehr lange meine Probleme. Da bin ich gerade sehr froh, dass ich mir Hilfe holen kann von Mitpatienten oder hier auch durch das Bloggen – denn Hilfe holen war für mich schon immer etwas, was ich nicht konnte (und vielleicht auch wollte), habe immer alles mit mir selbst ausgemacht. Andere Perspektiven und Anregungen zu erhalten ist für mich nun etwas sehr Gutes. Und ich probier alles aus, was mir über den Weg läuft und schaue dann, wie ich mich dabei fühle. 🙂

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      1. Hab ich nich, is uralt. Steht in nem Buch. Und is nicht von mir. Leider….

        Ich schreib es dir in der Kurzform.

        Also da war dieser Zauberlehrling. Der wollte unbedingt zaubern lernen. Aber sein Meister sagte immer wieder „Geduld.“
        Eines Tages musste der Meister zu einem Treffen der Zauberer und übergab dem Lehrling die Aufsicht. Der nutzte die Chance, und sah in das große Zauberbuch. Er zauberte. Wollte einen Geist beschwören und ihm befehlen. Und dieser Zauber entglitt seiner Kontrolle.Jedes mal, wenn er versuchte diesen Zauber zu zerstören, vervielfachte er ihn. Bis er überhaupt keine Kontrolle mehr hatte. Als der Meister zurückkam, rief er vollkommen verzweifelt.
        „Meister, die Geister die ich rief, die werd ich nicht mehr los!“
        Der Meister antwortete.
        „Hör auf dich auf den Zauber zu konzentrieren.“
        Der Lehrling tat wie im geheißen, und der Zauber löste sich auf. LG Luke

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  3. Ich finde deinen Ansatz, einen selbst wie eine Freundin zu behandeln, sehr hilfreich. Derzeit versuche ich irgendeinen Zugang zu mir zufinden, meine Sichtweise zu verändern und glaube das mir das tatsächlich ein kleinwenig weiterhelfen könnte…ich danke dir für diese Anregung und hoffe sie wird auch dich um einiges weiterbringen 🙂

    LG Sternenglanz

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    1. Es freut mich, dass es dir einen kleinen Anstoß geben konnte. Ich habe mich selbst vorher noch nie als Freundin gesehen, fand den Anstoß eines Mitpatienten daher auch sehr hilfreich und tatsächlich augenöffnend. Alles Gute dir! Lieben Gruß

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