Biografische Brüche – Vorstellungsgespräche und die Frage der Fragen

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Red traffic lights at a crossroads (Bild: May DelC)

Ich habe mich als Lehramtsanwärterin aus meinem Vorbereitungsdienst – auch bekannt als Referendariat – entlassen lassen. Für mich besteht die Möglichkeit, meinen Dienst zu jedem Zeitpunkt meiner Wahl wieder aufzunehmen, wenn ich das möchte und kann. Ob das der Fall sein wird, ist zu diesem Zeitpunkt eine Entscheidung, die ich weder treffen kann – noch möchte.

Diese Situation ist für mich eine persönliche Krise. Und ich hätte nie zuvor gedacht, dass ich an dieser Stelle meinen bisherigen Weg beenden würde. Doch so habe ich die Möglichkeit, innezuhalten, auf mein – oft unterdrücktes – Bauchgefühl zu hören und mich neu zu orientieren.

Ich bin momentan auf Arbeitssuche und habe nächste Woche zwei Vorstellungsgespräche. In den Augen der Menschen, die mich dort empfangen und mustern werden, werde ich wahrscheinlich vorerst einfach eine „Abbrecherin“ sein. Die Frage nach den Gründen meines Abbruchs ist eine Frage, auf die ich mich wohl einstellen muss. Wie werde ich sie beantworten?

Wahrscheinlich werde ich nicht sagen, dass von einem auf den anderen Tag für mich plötzlich alles unter einem düsteren Schatten stand, der mir ein unerträgliches, Übelkeit erregendes dumpfes Bauchgefühl verpasste und alle Zuversicht auf ein erfolgreiches 2. Staatsexamen verpuffen ließ, ohne dass es dazu einen rationalen Anlass gegeben hatte.

Ich werde auch nicht sagen, dass mir plötzlich jedes Vertrauen in mein eigenes Können und meine eigene Leidenschaft für das, was ich tat, abhanden gekommen war, dass mein Kopf nur noch leer war; dass ich vor der Klasse oft keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und all das, was ich einmal so gut konnte und so gern getan hatte, nur noch eine unüberwindbare Wand für mich darstellte.

Ich werde kein Wort verlieren darüber, dass ich nachts nicht mehr schlief, bei der Unterrichtsvorbereitung nur noch vor einem leeren Bildschirm saß und innerlich blockiert war. Dass der einzige Gedanke, den ich hatte, war: „Du kannst gar nichts tun. Es wird sowieso schlecht…“ Dass die Verbindung zu allem, was in mir steckte gekappt war. Dass ich mir auf einmal selbst fremd vorkam.

Ich werde für mich behalten, wie ich jeden Blick eines Kollegen als Taxieren deutete, der mir zu sagen schien: „Du siehst so aus, als wärst du überfordert. Hab ich auch nicht anders erwartet.“ Wie ich mich in den Fachseminaren mit anderen Referendaren ängstlich umsah und dachte: „Ich bin anders. Ich bin hier fremd. Wenn ich in die Gesichter der anderen sehe, sehe ich Menschen, die unbeschwert sind, die nicht bis nachts am Schreibtisch sitzen, weil es nicht anders geht; die Vertrauen haben in ihr Tun und auch andere Menschen um sich haben, mit denen sie ein Leben führen.“ Ich schien wie durch einen Schleier von ihnen getrennt. Ich fiel aus der Reihe.

Ich werde nicht erzählen, dass ich irgendwann Angstzustände hatte, wenn ich das Schulgebäude betrat und in meinen Freistunden das Gebäude verließ, weil ich mich konstant „ertappt“ fühlte, mich schämte, mich unterlegen fühlte, mich wie ein Versager fühlte.

Nichts fühlte sich mehr normal an in einem Kontext, in dem ich vorher so aufgegangen war, den ich vorher so geliebt hatte. Ich hatte in meiner Berufsbiographie mit all der praktischen Erfahrung, die ich gesammelt hatte, nie Anlass gehabt, zu glauben, dass ich für diesen Job nicht geeignet gewesen war. Ganz im Gegenteil.

Aber mein Leben und meine familiäre Geschichte hatten mich schon lange vorher erdrückt, bis es mich krank machte. Doch bis zum Ausbruch der letzten Episode hatte ich alles sehr gut mit mir selbst ausmachen und das Private noch vom Professionellen trennen können. Plötzlich aber war das nicht mehr möglich und beides verschmolz zu einem sich immer schneller drehenden dunklen Strudel, der alles aufsog.

Ich habe begonnen, zu verstehen, was mich krank und handlungsunfähig gemacht hat und es nicht mehr als mein persönliches Versagen zu deuten. Ich habe auch begonnen, die Handlungs- und Denkmuster zu ändern, die meinen übergroßen Perfektionisten und inneren Versagenspolizisten haben unmenschlich wachsen lassen.

Und ich habe mir die Worte meines Vorgesetzten zu Herzen genommen, dass ich keine Angst haben muss vor einer nicht so geradlinigen Biografie – denn sie birgt viele unerwartete Chancen. Das verstehe ich jeden Tag etwas besser. Ich habe eine Entscheidung treffen können, die ich nach 5 Wochen Tagesklinik nicht länger nur aus Angst gefällt habe. Ich habe mich entschieden, Verantwortung für mich, meine Gesundheit und meinen eigenen Weg zu tragen. Ich fühle mich dadurch ein wenig stärker.

Aber wie werden das die Menschen sehen, denen ich nächste Woche als potentieller Arbeitnehmer unter die Augen treten werde?

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20 Gedanken zu “Biografische Brüche – Vorstellungsgespräche und die Frage der Fragen

  1. Liebe May DelC,

    schön, dass Du deine Gedanken und Sorgen so gut zum Ausdruck bringst. Ich kenne diese Situation aus eigenem Erleben. Zunächst mal: Das wird mit jedem Vorstellungsgespräch einfacher und besser (natürlich wünsche ich Dir dennoch schon im ersten Gespräch Erfolg 😉 )
    Die Menschen, die Dir dort gegenüber sitzen, haben sich bereits dafür entschieden, Dich einzuladen. Sie kennen Deine Bewerbungsunterlagen und daher auch Deinen biografischen Bruch. Trotzdem bist Du in der engeren Auswahl (oder gerade deswegen). Die Personaler haben sicher auch einiges an Erfahrung und viele Bewerber vor Dir am Tisch sitzen gehabt. Da waren viele mit allen möglichen Formen von biografischen Brüchen oder anderen Auffälligkeiten im Lebenslauf darunter. Manche haben gute Wege gefunden, darüber zu berichten, andere nicht so. Du wirst vermutlich irgendwo im Bereich dazwischen liegen, mit der kleinen Bruch in Deiner Biografie.
    Ich will Dir nichts in den Mund legen und kann Dir auch nicht sagen, welche Worte genau Du am besten benutzt. Aber Dir Tipps geben.
    Da sie Dich kennenlernen wollen, werden sie interessiert an Dir sein und das auch positiv und professionell rüberbringen. Sie werden es gut finden, wenn Du ehrlich bist. Deine Krankheitsgeschichte solltest Du denen aber auch nichts aufs Brötchen schmieren. Ich mache das jedenfalls nicht. Das Du Ihnen nicht jedes Deiner intimsten Geheimnisse präsentierst, ist denen aber auch klar. Jeder will sich positiv darstellen, dass kennen die.
    Wichtiger als der Grund, warum Du da einen Bruch in Deiner Biografie hast, ist die Frage, was Du denen jetzt bieten kannst. Die wollen jetzt Deine Arbeitskraft, nicht vor einiger Zeit. Dass Du jetzt eine Bereicherung bist, musst Du denen nicht unbedingt erklären, du kannst es durch deine Auftreten, deine Kompetenz, usw. klar machen. (Ein paar klare Worte, warum du ein Gewinn für deren Team bist, werden sie natürlich in jedem Fall hören wollen.)
    Ich schreibe wahrscheinlich ein bisschen viel, hoffe aber, das klar wird, worauf ich hinaus will. Versteif dich nicht auf den Bruch in der Biografie, das macht ihn größer als er ist. Gute, für dich passende Erklärungen wird es genug geben.
    Ich habe meinen Biografiebruch nach dem Burn-Out zB. meisten so in der Art umschrieben: „Nach vielen Jahren in der Branche mit ihren besonders hohen Anforderungen und den sehr hohen mentalen Belastungen, war ich leer und habe erkannt, dass ich eine Veränderung brauche. Für mich wurde damals schnell klar, dass ich mir keine andere Stelle im selben Bereich suche, sondern eine klare Veränderung brauche und will. Ich habe also einen Cut gesetzt und mich einem völlig neuen Tätigkeitsfeld mit ganz anderen Anforderungen gestellt. Inzwischen weiß ich, dass die Entscheidung für mich genau richtig war.“ Ist natürlich staksig zusammengeürzt.
    Aber Du siehst, da steht nichts von heulenden Zusammenbrüchen, Depressionen, Panikattacken, Zwangshandlungen, ReHa oder Psychotherapie und Medikamenten. Für Dich passt mein Modell wohl nicht, aber vielleicht hilft es Dir, einen Ansatz zu finden. 🙂

    Lieben Gruß
    Jo

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    1. Ganz lieben Dank, Jo! Entschuldige dich bitte nicht für die länge deines Kommentars – ich freue mich sehr darüber und finde es gerade in dieser Situation sehr hilfreich. Die letzten Monate haben sehr an meinem Selbstbild gekratzt und ich bin noch nicht ganz sicher, wie ich das umwandeln kann in ein positives, kompetentes Auftreten. Aber es hilft mir sehr, von deinen Erfahrungen zu hören und wie du damit umgegangen bist. Ich möchte auch versuchen, damit so … „offensiv“ wie möglich umzugehen und so ehrlich wie es nun mal möglich ist – in kodierter Form. Ich werde mich gründlich darauf gefasst machen, aber du hast schon recht: Sie haben mich zu diesem Gespräch eingeladen – das heißt, sie sind sich des Bruches bewusst und sind dennoch interessiert. Das hatte ich komischerweise noch gar nicht so gesehen.
      Danke für deine Gedanken 🙂

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  2. Ich bin beim Lesen stolz auf dich gewesen. Nicht, dass ich dich kennen würde – aber da steckt viel Ähnlichkeit zu mir im Text. So reflektiert und mit einem positiven Blick in den Augen bist du – es tut gut deinen Text zu lesen! Wie du das alles machst 😊
    Ich habe mich bei solchen Gesprächen dazu entschieden einen Weg mit geringerem Widerstand zu gehen und sage bei so etwas: Familiärer Schicksalsschlag/ Erkrankung in der Familie. Ist bei mir auch nie wirklich gelogen. Aber ich will nicht, dass mir gleich dieser Zettel auf dem Kopf klebt, mit Depression – vielleicht traue ich mich auch einfach nicht. Ja, ich glaub ich traue mich nicht!
    Ich bin gespannt, was du erzählen wirst!!!

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    1. Ganz lieben Dank für deine Reaktion. 🙂 Ich habe in den letzten Jahren nicht oft über mich gehört, dass ich einen positiven Blick habe… Aber ich versuche wieder daran zu arbeiten. Naja, du weißt ja wie das ist: mal so, mal so.
      Ich finde es ziemlich beeindruckend, dass du den noch offeneren Weg im Vorstellungsgespräch. Sicher ist deine Situation auch noch einmal anders als meine. Aber ich finde es sehr mutig und ehrlich. Ich werde auch für mich versuchen, einen Weg auszuloten, der so ehrlich wie nötig/möglich ist, der mich aber noch bis zu einem gewissen Grad schützt. Wir werden sehen! 🙂

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  3. Hallo. Zunächst möchte ich mich für dein Interesse an meinem Blog bedanken. Ich selber schreibe auch über dieses Thema. Bin auch betroffen. Aber ich schreibe auf eine etwas andere Art. Nun, du wirst es merken. 30 Jahre war ich in der Schulmedizin tätig, weswegen sich mein Standpunkt in vielen Dingen verändert hat. Sich Hilfe zu holen ist richtig und wichtig. Mein Credo ist das alles in uns ist. Was von außen auf uns einwirkt, sollte unwichtig sein. Es zur Kenntnis nehmen, ja. Ihm aber nur begrenzte Bedeutung geben. Alles was wir, was du brauchst in in dir. Es muss auch nicht erst noch gefunden werden. Glaube reicht vollkommen aus. Nun, das ist mein Weg. Da ich nicht einmalig bin, sollte diese Sichtweise auch anderen helfen, denke ich. Aber jeder muss seinen Weg selber finden und gehen. Eins möchte ich aber noch sagen. Über all die Jahre, wurde jeder Gedanke schon einmal gedacht, jedes Wort schon einmal gesagt und jeder Weg schon einmal gegangen. Es geht also. Ich finde das sehr beruhigend. Dir alle Kraft. Luke.

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    1. Ganz lieben Dank, Luke. Du hast recht, jeder geht seinen eigenen Weg mit dem, was in ihm/ihr steckt und das ist etwas Gutes. Es fällt mir noch schwer, mich von meinem bisherigen Lebensentwurf vorerst zu verabschieden, aber ich beginne, es auch als befreiend und Lebens- und Selbst-bejaend zu empfinden. Und in deinen Worten klingt auch mit: wir sind nicht allein damit. Das ist gut zu wissen und bestärkend.

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      1. Für mich war diese Erkenntnis nicht allein zu sein, sondern mit vielen die gleichen Dinge zu teilen, zunächst befremdend. Sind wir doch alle so sehr individuell. Aber nach längerem nachdenken, ja, beruhigend. Loslassen bedeutet Platz für neues zu schaffen. Auch das ist meine Erfahrung und die hat mir sehr gut getan. Alles liebe dir.

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  4. Hallo,
    man kann es sicher nicht ganz mit deinen Gefühlen vergleichen, weil ich mein Lehramtsstudium damals bereits nach dem ersten Semester abgebrochen habe, aber ich wollte trotzdem gerne schreiben, dass mich dein Text sehr berührt hat! Längere Zeit ging ich auch davon aus, ich möchte Lehrerin werden, das ist etwas, das mir Freude macht und auch liegt … Der Abbruch tat weh und kratzte sehr an meinem Selbstwertgefühl. Trotzdem denke ich heute, dass es die richtige Entscheidung war. Und es gibt ja noch einige andere spannenden Berufsmöglichkeiten, falls man im Bildungsbereich bleiben möchte.
    Ich wünsche dir für dein Vorstellungsgespräch alles Gute, viel Mut und Erfolg! 🙂

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    1. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich über deinen Kommentar freue, gerade weil du selbst einmal den gleichen Weg gegangen bist. Ja, der Abbruch des Lehramts tut sehr weh – auch nach einem Semester. Ich denke, weil man, wenn man sich dafür entscheidet das Lehramt anzugehen, erwartet, auch Lehrer zu werden – und eigentlich nichts anderes. Das hängt stark mit der eigenen Identität zusammen. Und sich von diesem Lebensentwurf zu verabschieden – ob nach einigen Jahren oder einem Semester – das schmerzt sehr. Aber es freut mich so, von dir zu lesen, denn: DU BIST DA. IMMERNOCH. Und du gehst deinen Weg und du scheinst ziemlich gut auf dich zu achten, wie es aus deinen Texten scheint. Das macht mir wirklich Mut. 🙂

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      1. Das freut mich wiederum, wenn du dich freust 🙂
        Danke, wie lieb. Aber es hat lange gedauert, bis ich da stehe, wo ich heute bin und ich mag auch auf keinen Fall auschließen, dass es wieder zu Rückfällen kommen kann. Oft genug hadere ich auch mit dem Erkrankt Sein, werde wehmütig, wenn ich daran denke, dass ich jetzt schon fertige Lehrerin sein könnte, wenn alles so geklappt hätte wie ursprünglich geplant … Trotzdem bereue ich den Studiengangswechsel nicht (nur ein kleiner Funke Wehmut ist noch da beim Gedanken an das was wäre, wenn…“.) Egal, vorwärts und sich nicht unterkriegen lassen lautet die Devise.

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  5. „Oft genug hadere ich auch mit dem Erkrankt Sein, werde wehmütig, wenn ich daran denke, dass ich jetzt schon fertige Lehrerin sein könnte, wenn alles so geklappt hätte wie ursprünglich geplant … “ Oh, der Satz geht mir sehr nahe… Und ich könnte wahrscheinlich ganze Bände mit dem füllen, wenn ich hier schreiben würde, welche Gefühle und Gedanken er momentan in mir lostritt – daher lasse ich das wohl mal. 😀 Aber das alles tut noch sehr weh und ich kann momentan keinen Menschen begegnen, die sich mir als Lehrer vorstellen, weil ich mich da so fühle, das kann ich gar nicht – NOCH nicht – in Worte fassen. Aber es tut gut zu hören, dass du den Wechsel nicht bereust. Und ich hoffe, das gleiche kann ich auch in Zukunft von mir sagen. 🙂 Alles Gute weiterhin für dich! 🙂

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